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Erfolg auf ganzer Linie

Erfolg auf ganzer Linie

WALTROP – Es gibt gut gemeinte Veranstaltungen, bei denen geht der Schuss nach hinten los. Dann gibt es Veranstaltungen, die laufen so »là-lá«. Und dann gibt es Veranstaltungen, die könnten schlichtweg nicht besser über die vielzitierte »Bühne« gehen. Ein Event der letztgenannten Kategorie gab es am vergangenen Samstag (10. Juni 2017) im »Café Hirschkamp« in Waltrop. In den Räumlichkeiten der »Eskes Immobilien GmbH« veranstaltete Gastgeber Georg Eskes gemeinsam mit der Lüner »Edith und Martin Guse Stiftung« eine Vernissage für den 29-jährigen Lüner Rollstuhlfahrer Kai Eickler – das Ganze zu Gunsten der sozial-integrativen Rollstuhltennis-Initiative »BREAKCHANCE«, die ihre Heimat seit knapp vier Jahren beim benachbarten TuS Ickern hat.

Prominenz unter den mehr als 100 Gästen

Über 100 Gäste waren gekommen, um an der Ausstellungseröffnung des Lüner Künstlers teilzunehmen, unter ihnen auch wahrlich hoher Besuch. So begrüßte Eskes gemeinsam mit Gerhard Knüpp, Vorsitzender der »Edith und Martin Guse Stiftung«, unter anderem Waltrops »erste Bürgerin«, Nicole Moenikes sowie Rainer Schmeltzer, NRW-Minister für Arbeit und Soziales und zahlreiche Vertreter aus der lokalen Geschäftswelt, unter anderem den Titelsponsor der »BREAKCHANCE«-Initiative, Robert Kramer vom gleichnamigen Waltroper Garten- und Landschaftsbau-Unternehmen.

Gastgeber und Künstler sind »geflasht«

Gastgeber Georg Eskes, der nicht nur die Begrüßung übernahm, sondern mit Kai Eickler auch einen bestens moderierten und überaus unterhaltsamen Querschnitt durch die noch junge Karriere des Künstlers präsentierte, war regelrecht »geflasht« ob der zahlreich erschienenen Gäste. Der Künstler selbst analysierte »seinen« großen Tag wie folgt: „Ich werde einige Zeit brauchen, bis ich das alles verarbeitet habe. Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll!” Der Tag war in der Tat an positiven Reizen kaum zu toppen. Nicht nur das Feedback der kunstinteressierten Gäste war äußerst positiv, Eickler zog mit seiner ebenso authentischen wie sympathischen Art Bürgermeisterin und Minister gleichermaßen in seinen Bann. „Menschen wie Kai Eickler inspirieren uns und sind wichtig für die Gesellschaft. Ich würde mich sehr freuen, diese wunderbaren Werke von Kai schon sehr bald auch in unserem Rathaus ausstellen zu dürfen”, so Waltrops »erste Bürgerin«. Und NRW-Minister Rainer Schmeltzer stellte dem »Lüner Jung« spontan eine Ausstellung im Düsseldorfer Landtag in Aussicht.

Manthey repräsentierte den TuS Ickern

Die »Edith und Martin Guse Stiftung« überreichte dem TuS Ickern für dessen sozial-integrative Bemühungen eine Geldspende. Wolfgang Manthey, Vorsitzender der Ickerner Tennisspieler, bedankte sich hierfür mit einer sehr emotionalen Rede und stellte noch einmal heraus, dass der TuS als kinderfreundlicher und integrativer Verein mit dieser Spende ein zusätzliches Rollstuhltennisprojekt für Kinder und Jugendliche ins Leben rufen wird. „Das Geld benötigen wir dringend, um entsprechende Sportrollstühle für den Nachwuchs anzuschaffen”, so Manthey, der seinen Dank an alle Beteiligten richtete und sämtliche Gäste zum Kattenstätter Busch, der Heimat der Rollstuhltennisspieler, einlud, um sich beim TuS Ickern vor Ort ein persönliches Bild vom Rollstuhltennis zu machen. Rainer Schmeltzer betont: „Es ist einfach wunderbar zu beobachten, wie die Ickerner Rollstuhlfahrer dem Schicksal die Stirn bieten und vor allem, wie beim TuS Fußgänger und Rollis gemeinsam diesen schönen Sport ausüben!” Der Minister sprach in diesem Zusammenhang nicht zu Unrecht von »gelebter Integration«.

Ein Sport fürs Leben

Ein Sport fürs Leben

Lucas Kurth ist von Geburt an körperbehindert. Er besitzt eine spastische Disparese (Beeinträchtigung von zwei Gliedmaßen). Klagen tut er nicht. Im Gegenteil: „Es gibt schlimmere Fälle“, sagt der 20-Jährige, „da hat es mich vergleichsweise noch gut erwischt!“ Überhaupt strahlt der Oer-Erkenschwicker zu jeder Tages- und Nachtzeit jede Menge Zuversicht und Lebensfreude aus. „Durch seine Behinderung braucht Lucas beim Schreiben ein wenig länger, das gleicht er aber durchs viele Reden wieder aus“, scherzt Christoph Kellermann, langjähriger Bundestrainer in Sachen Rollstuhltennis sowie Entdecker und Trainer von Lucas. Beide verstehen sich blind, was nicht nur an ihren Gemeinsamkeiten liegt. Beide favorisieren sie auf der Tour Roger Federer und beide fiebern sie leidenschaftlich mit dem deutschen Rekordmeister FC Bayern München.

Sportliche Lektionen helfen im Alltag

„Tennis ist ein geiler Sport“, sagt Lucas, der beim Spiel mit der gelben Filzkugel Parallelen zum täglichen Leben ausmacht. „Es gibt beim Training Höhen und Tiefen. Wie im Leben auch. Das Schöne ist, dass ich die Lektionen, die ich Woche für Woche im Training in meinem Heimatverein TuS Ickern lerne, auf meinen Alltag daheim und auf die Schule übertragen kann. Das hilft mir sehr.“ Da sind zunächst einmal die charakterlich unterschiedlichen Menschen, mit denen der junge Rollstuhlsportler im Training zu tun hat. „Der eine Trainingskollege ist beispielsweise sehr introvertiert, der andere wiederum extrem extrovertiert. Unterschiedlicher könnten die Personen, die mit mir dem gelben Ball hinterherjagen, nicht sein. Ich selbst gehe ja auch eher aus mir heraus, zeige Emotionen. Positiv wie negativ. Die unterschiedlichen Charakterzüge eines Menschen gilt es besonders im Doppelspiel zu beachten.“

Professionelle Ratgeber

Ähnliches widerfährt dem 20-Jährigen mittlerweile auch in der Schule. Bis man mit dem Nachbarn »warm« wird, dauert es manchmal ein wenig. Man lernt sich kennen, tastet sich ab und nach einer Weile weiß man, ob es Schnittmengen gibt, ob man sich gegebenenfalls ergänzen kann, ob man vielleicht sogar harmoniert. „Ein gutes Doppel kann ich beispielsweise nur dann abliefern, wenn ich Vertrauen zu meinem Partner habe und umgekehrt. Aber ich denke, das geht den Spitzenspielern nicht anders.“ Guten Rat holt sich Lucas Kurth nicht nur bei seinem Coach, sondern auch bei keinen Geringeren als Marc-Kevin Goellner, Andre Begemann und Stephan Medem, allesamt frühere oder amtierende ATP-World-Tourspieler und Botschafter der Ickerner Rollstuhltennis-Initiative »BREAKCHANCE«. Auch von seinem großen Idol Roger Federer hat Lucas schon Tipps bekommen, zum Beispiel wie man sich in kritischen Situationen richtig verhält. „Das war sicherlich das bisherige Highlight in meinem Leben“, schwärmt der kommunikative Twen, der im späteren Berufsleben gern irgendwann einmal medial oder politisch aktiv sein möchte.

Anfängliche Skepsis

„Bevor ich mit den Sport, den ich nun so liebe, begann, wusste ich anfangs nicht, was mich erwarten würde. Sportlich und menschlich. Aber nachdem ich im sportlichen Bereich sehr schnell extrem positive Konturen zeichnete und sich meine anfängliche Skespis rasch in Luft auflöste, habe ich sehr schnell gemerkt, dass sich über den Sport auch wunderbare Freundschaften entwickeln können. Coach und Rollis unternehmen auch abseits der Tennisplätze eine Menge miteinander, pflegen privat ein wunderbares Verhältnis!“ Was der Tennissport dem begeisterungsfähigen Youngster noch mitgibt, sind Willensstärke und der Ansporn an die eigene Person, immer ein Stück besser zu werden. Dieses ständige »Brennen« bescheinigt ihm auch der Trainer: „Lucas versucht immer, jeden Ball zu erreichen, auch wenn die Situation aussichtslos und der Weg zum Ball schier unendlich weit ist“, zollt Christoph Kellermann Respekt.

Aus Fehlern lernen

Diesen Ehrgeiz hat Lucas Kurth auch in der Schule. Der Glaube an sich selbst hilft ihm auch im Freundeskreis, beispielsweise bei der Lösung von Konflikten. Schlussendlich lernt man durch den Sport auch den Umgang mit Niederlagen. „Ich analysiere nach jedem Training meine Leistung. War ich gut? Hätte ich die eine oder andere Sache eventuell besser machen können? Genauso verfahre ich unterdessen in der Schule: Welche Fehler sind mir in der Klausur unterlaufen? In welchen Bereichen muss ich nachlegen, um bessere Noten zu bekommen? Wichtig ist für mich persönlich dabei ein Ratschlag, den mir mein Trainer gleich zu Beginn mit auf den Weg gegeben hat, als er meinte, dass ich aus Fehlschlägen oder Niederlagen immer die richtigen Schlüsse ziehen solle. Daran halte ich mich. Etwas falsch zu machen sei absolut nicht tragisch, sagt er. So lerne man. »Denselben« Fehler aber zwei Mal in Serie zu machen, bedeutet hingegen, wirklich einen Fehler gemacht zu haben. Der Sport kann einem immens helfen. In allen Lebenslagen.“

Eine Frage der Haltung

Eine Frage der Haltung

Von Stephan Lamprecht. Rollstuhltennis ist ein toller Sport. Man könnte auch sagen: ein beeindruckender Sport. Das Tolle an diesem Ballspiel ist: man muss es gar nicht beherrschen. Rollstuhltennisspieler, das muss man vielmehr sein. Rollstuhltennis, das ist kein Spiel, das ist eine Haltung. Auf dem Platz – und abseits des Courts. Speziell Letzteres habe ich über die Jahre perfektioniert.

Nehmen wir folgende Situation aus einem typischen „Was macht der Behinderte eigentlich, wenn er nicht mit seiner Behinderung beschäftigt ist?“-Gespräch mit einem Fußgänger: „Haben Sie eigentlich Hobbies?“, fragt mein Gegenüber, fest davon überzeugt, dass ein Behinderter genug damit zu tun hat, behindert und damit zwangsläufig »eine arme Sau« zu sein. „Ja“, erwidere ich. „Tischtennis.“ Das stimmt. Nie mehr werde ich der Wahrheit im Laufe des Gesprächs derart nah kommen. Fangen wir klein an, denke ich bei mir und ernte die erwartete Reaktion: „Ah, schön.“

Zwischenstand: Arme Sau mit Tischtennisschläger.

Ein Achtungserfolg. Doch ich gebe mich damit längst nicht mehr zufrieden. „Und Tennis“, schiebe ich scheinbar beiläufig hinterher. Das hat – natürlich – Kalkül, man muss ein gelungenes Match schrittweise aufbauen. Ich spiele sozusagen verbales Prozent-Tennis. „Tennis???“, schallt es mir ungläubig entgegen. Ich hatte gewusst, dass es so kommen würde. Es kommt immer so. „Im Rollstuhl???“ Auch dieses Nachhaken ist Standard. Nun könnte ich entgegnen: „Nein, ich stehe dann selbstverständlich auf. Mein Paradeschlag ist der »Becker-Hecht«, wenn Ihnen das noch etwas sagt. Nur beim Aufstehen hapert es noch ein bisschen!“ Doch das wäre patzig und würde das Match wohl schnell beenden – zu meinen Ungunsten. Derlei Unbeherrschtheiten passen nicht zu einem wahren Könner des »weißen Sports«. Ich sage statt dessen lapidar: „Ja, Rollstuhltennis.“

Das Spiel ist nun offen, der Schlagabtausch kann beginnen.

„Auf dem normalen Feld???“ Typischer Return, ich weiß längst, wie man den souverän kontert: „Ja, der Ball darf zweimal aufticken, das ist der einzige Unterschied“, füge ich sachlich hinzu. „Ist das nicht wahnsinnig anstrengend??“ Das Duell läuft nach Plan. Ich müsste nun sagen: „Ja, es ist die Hölle, und genau deshalb bin ich total schlecht.“ Doch das wäre ein »unforced error« zu einem viel zu frühen Zeitpunkt. Manchmal reicht es, den Ball einfach im Spiel zu halten. Ich sage nur kühl: „Ja, ist es mitunter.“ Ich kann die Gedanken meines Gegenübers lesen: Eine arme Sau, die kämpft. Respekt!

Der erste Punkt gehört mir. 15:0.

„Wo machen Sie das denn?“ Kritischer Moment. „In Waltrop“, nuschele ich mehr als ich spreche. Waltrop ist okay, ist aber eben nicht Paris, Melbourne oder London. Noch nicht einmal wie Rothenbaum oder Rochusclub. Waltrop ist in diesem frühen Gesprächsstadium ungefähr so zielführend wie das Geständnis, schon einmal auf einem PUR-Konzert gewesen zu sein. „Beim ehemaligen Bundestrainer“, schiebe ich deshalb eilig hinterher. „Beim Bundes…?!“ Gerettet! „Beim Bundestrainer“, bekräftige ich. Hinweise auf das totale Nischendasein dieser Sportart und auch das »ehemalige« schenke ich mir. Was soll’s – wo es doch sogar schon zwei Päpste gab!

Gleichstand konzentriert abgewehrt, 30:0.

„Dann müssen Sie ja ziemlich gut sein.“ Aus den Fragen werden allmählich Tatsachenbehauptungen. Klare Sache: es läuft! Zeit, etwas mehr zu riskieren. „Ich habe sogar schon Turniere gespielt!“, versuche ich einen verbalen Angriffsball. Eigentlich war es nur ein Turnier. Erstrunden-Niederlage. 0:6, 0:6. Die berühmte »Brille«. Plastikpokal – für die Teilnahme. All das verschweige ich. Lüge ich deshalb? Mitnichten! Ich als Crack habe das Spiel einfach nur korrekt analysiert. Längst weiß ich, dass ich damals im Grunde einen einzigen Fehler gemacht habe: Ich habe versucht, Turniertennis zu spielen. Lediglich ein Fehler in einem harten Zweisatz-Match, das ist verzeihlich. „Sogar in Wimbledon wird Rollstuhltennis gespielt!“, führe ich den Angriff schnell mit einem Ablenkungsmanöver fort. „Ich war selbst schon da!“ Zugegeben, eine etwas waghalsige Verknüpfung. Denn eigentlich war ich 2012 nur als Zuschauer anwesend – auf den Außenplätzen. Centre-Court war zu teuer. Die meisten Spieler kannte ich nicht, Erdbeeren gab’s auch keine, nur (überteuerten) Kuchen. Egal, Nebensächlichkeiten. „Wimbledon!“, gerät mein Gegenüber längst erwartungsgemäß ins Schwärmen. Dieses Wort hat auch 28 Jahre nach Boris B. nichts an Magie eingebüßt. Apropos Bobbele. „Na, dann werden Sie ja demnächst sicher der neue Boris Becker!“ Der Gesprächspartner ist längst vom Saulus zum Paulus, vom Skeptiker zum bedingungslosen Fan avanciert.

40:0! Drei Matchbälle.

Ich konzentriere mich auf den Ballwurf und haue einfach drauf. „Mein Trainer vergleicht mich bereits mit Ivan Lendl“, protze ich jetzt hemmungslos. „Acht Grand-Slam-Siege, lange Zeit Weltranglistenerster, Sie wissen schon“, wechsele ich gekonnt zwischen fachmännischem Gehabe und anbiedernder Verbrüderung. Man muss als großer Champion auch gönnen können, wenn man sich auf der Siegesstraße befindet. Natürlich hat mein Gegenüber meist keinen blassen Schimmer, Lendl ist längst vergessen. Vergessen wollen wir deshalb in dieser Situation auch die Begründung meines Coachs. „Du spielst wie Ivan Lendl. Kein Talent, aber hart am arbeiten!“ Talent? Wer bitte braucht Talent! Wer braucht Vor- und Rückhand? Wer braucht Fahrtechnik, gar Turniersiege? Rollstuhltennis ist eine Frage der Haltung! Ein faszinierender Sport. Meinen Gesprächspartner jedenfalls habe ich nun endgültig beeindruckt. In seinen Augen werde ich fortan ein Weltklassespieler mit Grand-Slam-Ambitionen sein, der Wimbledon sein Wohnzimmer nennen darf.

Als »arme Sau« kann ich gut damit leben…

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